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Letters & Op-Eds - 2003

die welt

Das Gewissen katholischer Frauen

Elfriede Harth

10 March 2003

Es ist kein Geheimnis, dass die römisch-katholische Amtskirche die Abtreibung verurteilt: Ein Schwangerschaftsabbruch, auch wenn er dazu dient, das Leben der Frau zu retten, sei moralisch niemals gerechtfertigt und sollte niemals legal durchgeführt werden können. Genauso wenig ist es ein Geheimnis, dass die meisten Katholikinnen und Katholiken weltweit die offizielle Lehre der Kirche in Sachen Sexualität und Fortpflanzung nicht befolgen.

So werden zum Beispiel in Brasilien schätzungsweise 1,5 Millionen Schwangerschaften jährlich abgebrochen. In Mexiko sind für etwa 70 Prozent der Katholiken Treue zu ihrem Glauben und eine von der Amtskirche abweichende Meinung bezüglich des Schwangerschaftsabbruchs durchaus miteinander vereinbar. 66 Prozent der katholischen Gläubigen Polens meinen, der Schwangerschaftsabbruch sollte legal sein. In den USA stimmen 85 bis 90 Prozent der Gläubigen mit den kirchlichen Amtsträgern nicht darin überein, dass ein Schwangerschaftsabbruch immer illegal sein sollte.

Ein Geheimnis aber gibt es. Es ist das bestgehütete im Katholizismus: dass man nämlich gut katholisch sein kann und davon überzeugt sein darf, dass ein Schwangerschaftsabbruch unter Umständen moralisch und auf jeden Fall legal sein sollte. Die Reichweite unserer Rechte als katholische Gläubige erschließen sich aus den kirchlichen Lehren selbst: Wir können beides sein, katholisch und für Selbstbestimmung.

Viele nehmen an, monolithische Starrheit in moralischen Fragen wäre katholisch, doch eine gründlichere Auseinandersetzung mit der katholischen Tradition zeigt, wie viel Gewissensfreiheit wir katholischen Gläubigen genießen. Die Gewissensfreiheit des Individuums ist unantastbar, gemäß den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ja, von katholischen Gläubigen wird sogar erwartet, dass sie selbst dann ihrem Gewissen folgen, wenn es gegen Kirchenlehren verstößt.

Dieser Freiheit kommt ganz besondere Bedeutung zu, wenn die Lehre in einer Frage nicht als unfehlbar gilt, das heißt, wenn sie nicht vom Papst feierlich als für alle Zeiten gültig und frei jeden Irrtums erklärt wird. Und die Frage des Schwangerschaftsabbruchs wurde nicht und wird niemals für unfehlbar erklärt, weil die Kirche nie eine eindeutige und gleich bleibende Position darüber hatte, wann der Fötus eine Person wird.

1974 erst veröffentlichte die vatikanische Glaubenskongregation die Erklärung zur Abtreibung. Die Glaubenskongregation wiederholte darin die unerschütterliche Verurteilung jeden Schwangerschaftsabbruchs durch die Kirche, aber sie räumte vorsichtig ein, dass die Frage des Personenstatus durch die Wissenschaft nicht zu lösen ist und dass unter Theologen eine Vielfalt von Ansichten darüber besteht, wann der Fötus eine Seele erhält und somit zur Person wird. Für Thomas von Aquin geschieht dies nach 40 Tagen Schwangerschaft bei Jungen und nach 80 Tagen bei Mädchen.

Viele moderne Theologen denken, dass der Status der Person sicherlich nicht vor den ersten Wochen der Schwangerschaft gegeben ist, bevor sich die so genannten Keimblätter bilden. Im Jahre 1995, in seiner "Enzyklika Evangelium Vitae", hielt sich der Papst gerade noch zurück, die Lehre über den Schwangerschaftsabbruch als unfehlbar zu erklären, weil er genau wusste, dass es keine Konsistenz gibt.

Auch hat die Kirche kein absolutes Verbot ausgesprochen, Leben zu nehmen. Die Kirche erkennt die Ethik des "gerechten Kriegs" an - die akzeptiert, Leben zu nehmen, wenn anderes Leben direkt bedroht ist. Eine Theorie des gerechten Schwangerschaftsabbruchs würde somit einer Frau gestatten, eine Schwangerschaft abzubrechen, um ihr Leben zu retten - ein solcher Akt wird allerdings vom gegenwärtigen Kirchenrecht ausdrücklich verboten.

Dieser Widerspruch ist eine Verletzung der Würde von Frauen, denn sie werden nicht als moralisch Handelnde betrachtet, Männern ebenbürtig, fähig, diese so bedeutsame Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig kann die Kirche Präsidenten und Generäle dabei unterstützen, Menschenleben im Krieg zu zerstören. Es ist für katholische Gläubige wichtig, die Positionen der Kirche auf diese Weise kritisch unter die Lupe zu nehmen, um sich ihrer Unabhängigkeit in der ethischen Entscheidungsfindung besser gewahr zu werden. Es ist tragisch, dass zwischen den Positionen der Amtskirche und der Meinung der katholischen Gläubigen in Sachen Schwangerschaftsabbruch und auch in anderen Fragen aus dem Bereich Sexualität und Fortpflanzung solch eine Kluft besteht.

Ein Teil der Arbeit der Reformkatholiken besteht gerade darin, in der katholischen wie der nichtkatholischen Öffentlichkeit die Auseinandersetzung darüber anzuregen, worin die Gerechtigkeit in diesen Dingen besteht. Wir haben die Zuversicht, dass die Amtskirche eines Tages ihre überholten Lehren aufgeben und sich uns in unserer Suche anschließen wird. Die Amtskirche könnte einen positiven Beitrag zu dieser Suche leisten, wenn sie sich entschließen würde, das Kirchenvolk bei dieser Suche zu begleiten, statt nur Hindernisse in den Weg zu legen. Elfriede Harth ist die Europäische Vertreterin von Catholics for a Free Choice. Sie lebt in Versailles in Frankreich. Artikel erschienen am 10. Mär 2003

This article first appeared in the 10 March 2003 edition of Die Welt.